Anordnung über Gemeinschaftsarbeiten des Wiederaufbaues.
Vom 15. Februar 1946.

(Amtsbl. RegPrä S. 22)




So wie in den letzten Kriegsjahren der Bau von Panzergräben, Sperren und Laufgräben und die Behebung von Schäden nach Fliegerangriffen in starkem Maße von der Bevölkerung im Wege der Gemeinschaftsarbeit durchgeführt wurden, so müssen nunmehr, mit Beginn der offenen Wetterlage, die dem Wiederaufbau dienenden umfangreichen Aufräumungsarbeiten in den beschädigten oder zerstörten Ortsteilen sowie die Arbeiten zur Behebung der Flur- und Straßenschäden von der Bevölkerung in Gemeinschaftsarbeit mit allen Kräften aufgenommen werden.

Es wird daher folgendes angeordnet:



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  1. Für die Durchführung der Gemeinschaftsarbeiten sind für den Stadtkreis Saarbrücken der Oberbürgermeister, für die Landkreise die Landräte, Amtsbürgermeister und Bürgermeister zuständig.

  2. In jeder Gemeinde ist vom Bürgermeister eine Kommission für Aufräumungsarbeiten zu bilden. Die Kommission besteht aus dem Bürgermeister oder einem seiner Stellvertreter, je einem Vertreter der politischen Parteien, 3 Vertretern der Gewerkschaft und einem Vertreter des Bauhandwerks. Sie hat die Aufgabe, die im Vollzug dieser Anordnung erforderlichen Planung, Organisation und Durchführung von Gemeinschaftsarbeiten innerhalb des Amtsbereichs zu beschließen und über die zu leistende Hilfe für notleidende Nachbargemeinden zu entscheiden.

  3. Beim Regierungspräsidenten ist eine Zentralkommission für Wiederaufbauarbeiten zu bilden, die vom Regierungspräsidenten berufen wird. Die Kommission besteht aus dem Leiter der Abteilung Bauwesen beim Regierungspräsidenten oder einem seiner Stellvertreter, je einem Vertreter der politischen Parteien, drei Vertretern der Gewerkschaft und je einem Vertreter der Handelskammer und der Handwerkskammer. Die örtlichen Kommissionen haben monatlich durch das Landratsamt der Zentralkommission über Umfang, Art und Ergebnis der Aufräumungsarbeiten zu berichten. Die Befugnisse der Zentralkommission werden noch näher bestimmt.


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  1. Die arbeitsfähige Bevölkerung ist in den einzelnen Stadtteilen, Ortsteilen oder Gemeinden in Arbeitsgruppen einzuteilen. Für jede Gruppe ist ein Gruppenleiter zu bestimmen.

  2. Die Arbeitsgruppen sind möglichst an den ihrem Wohnort am nächsten gelegenen Arbeitsstätten zu beschäftigen. Dabei ist dem einzelnen in der Regel ein Fußmarsch von der Wohnung bis zur Aufräumungsstätte von mindestens 3 km für die einzelne Wegstrecke (6 km für Hin- und Rückweg) zuzumuten. Ist die Benutzung von geeigneten Verkehrsmitteln möglich, und erfordert die An- und Rückfahrt zusammen einen Zeitaufwand von nicht mehr als 1 1/2 Stunden, so sind auch die den Aufräumungsstätten entfernt wohnenden Personen zu den vordringlichen Aufräumungsarbeiten heranzuziehen.


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  1. Zur Arbeitsleistung in Gemeinschaftsgruppen sind alle sich im Saargebiet aufhaltenden arbeitsfähigen männlichen Personen vom vollendeten 16. Lebensjahr bis zum vollendeten 55. Lebensjahr heranzuziehen. Ueber eine später notwendig werdende Erweiterung dieses Personenkreises entscheidet das Regierungspräsidium.

  2. Von der Arbeitsleistung sind befreit:

    1. im Gesundheitswesen;

    2. im ständigen Fahrdienst der Reichsbahn;

    3. bei Nachtarbeit tätige Personen, sämtliche jedoch nur, soweit sie diese Tätigkeit z. Z. tatsächlich ausüben;

    4. Personen, die infolge Kriegsbeschädigung, Unfall oder sonstiger Körperbehinderung mindestens 50 % erwerbsgemindert sind; ferner Pensionäre sowie Rentner der Invaliden-, Knappschafts- oder Angestelltenversicherung;

    5. Personen, die durch amtsärztliche Untersuchung als arbeitsunfähig festgestellt sind;

    6. Empfänger von Lebensmittelzusatzkarten für Schwerstarbeiter;

    7. Grubenarbeiter und Angestellte unter Tag.


  3. Die nach 3 Abs. 2 von der Arbeitsleistung befreiten Personen, welche Mitglieder der NSDAP oder deren Gliederungen waren, haben zum Ausgleich des ihnen durch die Befreiung ungeschmälert verbliebenen Einkommens einen Abgeltungsbetrag zu entrichten. Hierwegen ergehen besondere Ausführungsbestimmungen.


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  1. Jede Person hat eine Gemeinschaftsarbeit von höchstens vier Stunden, ehemalige Mitglieder der NSDAP und deren Gliederungen von höchstens 6 Stunden wöchentlich zu leisten. Arbeitspflichtige, die nicht voll beschäftigt sind, aber noch leichte Arbeiten verrichten können, haben anstatt 4 mindestens 12 Stunden, ehemalige Mitglieder der NSDAP und deren Gliederungen anstatt 6 mindestens 18 Stunden wöchentlich und zu arbeiten.

  2. Die Arbeiten sind unentgeltlich und nach Möglichkeit nur an Wochentagen zu leisten.


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  1. Die nach diesem Erlaß zur Arbeitsleistung herangezogene arbeitsfähige Bevölkerung ist gegen Unfall zu versichern. Eine bereits bestende Krankenversicherung wird durch die Ableistung von unentgeltlicher Gemeinschaftsarbeit nicht berührt.

  2. Für die Unfallversicherung gilt folgendes:

    1. Träger der Unfallversicherung ist der Gemeindeunfallversicherungsverband für das Saargebiet.

    2. Als Jahresarbeitsverdienst gilt das Entgelt oder Erwerbseinkommen, das der zur Arbeitsleistung Herangezogene z. Z. seines Einsatzes bezieht.

    3. Die 563 ff RVO finden entsprechende Anwendung.

  3. Der Gemeindeunfallversicherungsverband ist berechtigt, die zur Durchführung der Unfallversicherung notwendigen Mittel auf dem üblichen Wege umzulegen.


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    Alle Verwaltungen sind verpflichtet, den im Vollzug dieser Anordnung an die gerichteten Ersuchen des Oberbürgermeisters, der Landräte und der Amtsbürgermeister oder Bürgermeister zu entsprechen.


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    Wer den Bestimmungen dieser Anordnung und den dazu ergehenden Durchführungsbestimmungen oder Richtlinien zuwiderhandelt, kann mit einer Geldstrafe bis zu 100,- DM. im Einzelfalle und mit Haft, oder einer dieser Strafen belegt werden. Die Strafe setzt die im 1 Abs. 2 vorgesehene Kommission fest.






    Saarbrücken, den 15. Februar 1946.

    Der Regierungspräsident: Dr. Neureuter