Richtlinien über die Durchführung
von Gemeinschaftsarbeiten des Wiederaufbaues.
Vom 20. Februar 1946.

(Amtsbl. RegPrä 1946 S. 22)




Die Aufräumung von Trümmerstätten und die Beseitigung von Schuttmassen müssen sofort in großzügiger Weise in Angriff genommen werden, wenn es gelingen soll, in diesem Jahr mit den allgemeinen Wiederaufbauarbeiten ein Stück vorwärts zu kommen. Die Arbeiten erfordern keine, oder nur einfache Werkzeuge; sie erfordern auch keine Baustoffe und Maschinen; sie bringen vielmehr Baustoffe, besonders Steine, für den Wiederaufbau.

Das noch zahlenmäßig schwache Baugewerbe bleibt vorerst noch bei dringenden Hoch- und Tiefbauten gebunden, und kann daher allein die vorbereitenden Arbeiten für den eigentlichen Aufbau nicht leisten.

Nachdem in den letzten Kriegsjahren fast die gesamte arbeitsfähige Bevölkerung - wenn auch zum Teil unter Zwang - trotz 60stündiger Arbeitszeit, Lahmlegung des Verkehrs und oft unter ständiger Lebensgefahr, zusätzliche Arbeiten als sogenannte Gemeinschaftsarbeiten unentgeltlich geleistet hat, sollen nunmehr unter leichteren Bedingungen Gemeinschaftsarbeiten für den Wiederaufbau geleistet werden.

Hierzu ergehen auf Grund der Anordnung über Gemeinschaftsarbeiten des Wiederaufbaues vom 15. Februar 1946 (ABl. S. 20) folgende Richtlinien:

I.

  1. Örtliche Kommissionen für Aufräumungsarbeiten sind auch in den Gemeinden (Amtsbürgermeistereien) zu bilden, die keine Kriegsschäden erlitten haben. In diesen von Schäden verschont gebliebenen Gemeinden soll die örtliche Kommission prüfen und beschließen, ob und in welchem Umfang den von Kriegsschäden stark betroffenen Nachbargemeinden durch die Bereitsstellung von Gemeinschaftsgruppen, Fahrzeugen und Geräten geholfen werden kann. Sie soll ferner prüfen, welche männlichen Personen im Alter von 16 bis 55 Jahren nicht oder nicht voll beschäftigt sind, obwohl sie für leichte Arbeiten noch als geeignet angesehen werden. Diese Personen sind dem zuständigen Arbeitsamt zur endgültigen Prüfung der Arbeitsfähigkeit und zur Vermittlung in eine Lohnarbeit zu melden.

  2. Die Gemeinschaftsarbeit soll sich nicht nur auf Aufräumungsarbeiten und die Beseitigung von Schutt beschränken. In den von Schadensstellen weit abgelegenen Gemeinden ist auch die Behebung von Flur- und Forstschäden, Schäden an Straßen und Wasserläufen in das Arbeitsprogramm einzubeziehen.

    Ueber den Einsatz von Kraftfahrzeugen entscheidet der Landrat.

  3. Den Gemeinschaftsgruppen ist nach Möglichkeit eine, vom Bausachverständigen abgegrenzte Arbeit (Baustelle) zu übertragen und eine angemessenen Frist für die Erledigung der übertragenen Arbeiten zu gewähren. Es bleibt alsdann der Gemeinschaftsgruppe überlassen, in welchem Zeitraum und an welchen Tagen (Stunden) sie die Arbeiten innerhalb der festgesetzten Frist erledigt.

  4. Mit Rücksicht auf den Mangel an Schuhen sind größere Anmarschwege zu vermeiden. Jede später notwendige Erweiterung des Personenkreises auf männliche Personen im Alter von 15 bis 65 Jahren und weibliche nicht berufstätige ledige Personen (ohne eigenen Hausstand) von 18 bis 35 Jahren darf erst nach Einholung der Genehmigung des Regierungspräsidenten erfolgen.


II.

  1. Bei der Auswahl der Gruppenleiter für die Leitung von Gemeinschaftsgruppen ist darauf zu achten, daß nur solche Personen bestimmt werden, die Nichtmitglieder der NSDAP oder deren Gliederungen waren, möglichst über 30 Jahre alt sind und Gewähr für die gewissenhafte Durchführung der ihnen übertragenen Aufgaben bieten. Für jeden Gruppenleiter ist ein Vertreter zu bestimmen.

  2. Der Gruppenleiter oder sein Vertreter hat die Hausbewohner seines Bezirkes aufzusuchen und diejenigen Personen in ein Schichtenbuch einzutragen, die für die Ableistung von Gemeinschaftsarbeit bestimmt sind.

  3. Die Angehörigen der jeweiligen Gemeinschaftsgruppen haben die Zuteilung zu der Gruppe, die Kenntnisnahme über den Ort und beginn der Arbeiten in der letzten Spalte des Schichtenbuches durch Unterschriftsleistung zu bestätigen. Alsdann ist auf der letzten Seite der Arbeitskarte der Stempelaufdruck ,,Gemeinschaftsarbeit" zu setzen.

  4. Der Gruppenleiter hat nach vorhandenen Werkzeugen zu fragen, die von den Angehörigen der Gemeinschaftsgruppen mitzubringen sind. Am Wochenschluß oder am Beginn der nachfolgenden Woche ist die Arbeitsleistung auf der letzten Seite der Arbeitskarte möglichst durch Stempeldruck zu vermerken.

  5. Wer die Arbeitsleistung unberechtigt verweigert oder der Arbeitsleistung nicht regelmäßig nachkommt, ist der örtlichen Kommission listenmäßig in einer Wochenmeldung zu benennen. Die örtliche Kommission entscheidet über Strafmaßnehmen. Werden Geldstrafen verhängt, so sind die Beträge von der Gemeindekasse zu vereinnahmen und am Schlusse eines jeden Monats an die Regierungshauptkasse auf das Konto ,,Gemeinschaftsarbeit" zu überweisen. Ueber die Verwendung der eingezahlten Beträge entscheidet das Regierungspräsidium.


III.

  1. Der Gruppenleiter oder sein Vertreter ist zu ermächtigen, in besonders dringenden Fällen bis zu 2 Arbeitsschichten Befreiungen auszusprechen, oder Anträgen auf Nachholung versäumter Arbeitsstunden zu entsprechen; er hat alle Befreiungen auf der letzten Seite der Arbeitskarte, sowie in seinem Schichtenbuch zu vermerken.

  2. Beamte und Angestellte der Behörden oder Körperschaften des öffentlichen Rechts können, falls sie nachweisbar Ueberstunden leisten, Antrag auf Befreiung beim Regierungspräsidenten, Abteilung Arbeit, stellen.


IV.

  1. Der Oberbürgermeister und die Landräte bestimmen die erforderlichen Bausachverständigen, die zu prüfen haben welche Arbeiten in Angriff zu nehmen und wie sie durchzuführen sind. Es soll auf diese Weise vermieden werden, daß z. B. Bombentrichter, in denen beschädigte Leitungen (Gas, Wasser, Licht) liegen, nicht etwa zugeworfen, sondern notfalls freigelegt werden und daß Arbeiten, bei denen große Unfallgefahr besteht, nur Fachkräften übertragen werden.

  2. Dagegen bedarf es keiner Einholung der bausachverständigen Begutachtung, wenn Holz und Bausteine aus freiliegenden Schuttmassen geborgen, die Steine geputzt und beide Baustoffe so gelagert werden, daß sie kein besonderes Hindernis bedeuten.

  3. Der Schutt ist möglichst endgültig abzutransportieren oder so wegzuräumen, daß der spätere Abtransport erleichtert wird.

  4. Bau- und Nutzholz, Türen- und Fensterbeschläge, Armaturen, Rohre usw. sind zu bergen.

  5. Das Einreißen von Wänden ist nur durch Fachkräfte durchzuführen. Auf die Unfallgefahr ist regelmäßig hinzuweisen.

  6. Bei der Freilegung von Kellerräumen sind die Eigentümer vorher zu verständigen.

  7. Der Verwendungszweck der geborgenen Baumaterialien bleibt der Gemeindeverwaltung vorbehalten.





Saarbrücken, den 20. Februar 1946.

Der Regierungspräsident: Dr. Neureuter